Dark bay horse with red head collar in front of red painted stables IF Equine Therapies

Schnelle, simple Lösungen? Oder doch lieber tragfähige Ergebnisse?

Wenn ich ein Pferd untersuche, frage ich mich nicht vorrangig: „Wo tut es denn weh?“, sondern: „Welche Abfolge von Ereignissen und Umständen hat uns hierher geführt?“.

Doch je komplexer unsere Welt wird, desto einfacher scheinen die Lösungen zu sein, nach denen wir suchen – so zumindest der Eindruck. Das Gleiche scheint auch in der Welt der Pferde zu gelten, wo viele Menschen sowohl bei der Ausbildung als auch bei therapeutischen Maßnahmen nach schnellen und einfachen Lösungen suchen. Leider funktioniert das in der Regel nicht so. Pferde und ihr Körper sind komplex, und diese Komplexität muss von der Herangehensweise erfasst werden, mit der wir oder die Mitglieder unseres Betreuungsteams – wie Tierärzte, Therapeuten, Hufschmiede, Zahnärzte usw. – sie betrachten.

Was manuelle Therapien und Körperarbeit angeht, wird alle paar Monate eine neue Sau - Entschuldigung! Behandlungsform oder Modalität - durchs Dorf getrieben, die große Aufmerksamkeit auf sich zieht und weithin als Lösung und Heilmittel für die unterschiedlichsten Probleme angepriesen wird. Und plötzlich scheint die Mehrheit der Pferde unter Beschwerden zu leiden, die genau auf diese Art von Intervention ansprechen. Und obwohl solche Modalitäten in manchen Fällen wirksam sein mögen und ihre Berechtigung haben, haben die meisten von ihnen eines gemeinsam: Sie gehen zu isoliert vor. Sie konzentrieren sich auf bestimmte Teile, Strukturen oder Systeme des Körpers und lassen den Rest außer Acht.

Wenn es doch nur so einfach wäre.

Ich glaube, wir tun unseren Pferden keinen Gefallen, wenn wir uns in erster Linie auf ein bestimmtes Problem, eine bestimmte Struktur, ein System oder einen bestimmten Körperteil fokussieren, anstatt zu beurteilen und zu untersuchen, wie dieses Problem entstanden ist und wie es mit dem Rest des Körpers in Verbindung steht. Und ja, es gibt häufige Muster und Problembereiche, und – zusammen mit einem guten Verständnis des Körpers als Ganzes – können sie uns Anhaltspunkte liefern, worauf wir achten müssen, um unsere Annahmen zu bestätigen (oder zu widerlegen) und Ungleichgewichte sowie Funktionsstörungen zu beheben. Doch sie sind keinesfalls ein Patentrezept. Wie bereits erwähnt, sind Pferde und ihre Körper komplex, und während ein bestimmtes Problem bei einem Pferd vielleicht auf eine einfache Lösung anspricht, gibt es keinen einheitlichen Ansatz, der bei jedem Pferd funktioniert. Wir – als Pferdetherapeuten – müssen diese Komplexität verstehen, um die richtigen Fragen zu stellen und so einschätzen und identifizieren zu können, womit wir es zu tun haben. Und dann müssen wir entscheiden, wie wir am besten vorgehen, um die Faktoren anzugehen, die das Problem aufrechterhalten. Ein pauschaler Ansatz wird dies in komplexeren Fällen wahrscheinlich nicht erreichen. Einer der Gründe, warum ein Problem wieder auftritt, ist meist, dass ein wichtiger mitwirkender Faktor noch nicht identifiziert oder angegangen wurde.

Viele körperliche Probleme bei Pferden, die uns erst später auffallen, sind Kompensationsmuster, die an einer Stelle im Körper ihren Ursprung hatten und sich an anderer Stelle manifestierten – dort nehmen wir sie als Schmerzen oder andere Symptome bzw. Anzeichen wahr. Oder es handelt sich um ein primäres Problem, das jedoch mit einem anderen Körperteil verbunden ist, der Teil des dysfunktionalen Musters ist. Oder das zugrunde liegende Problem liegt in einem anderen System oder Organ des Körpers, äußert sich jedoch als Muskelschmerz. Oder ein Problem wird durch ungeeignete Trainings- und/oder Haltungspraktiken aufrechterhalten oder verursacht. Die Liste ließe sich fortsetzen. Pferde sind Beutetiere und neigen dazu, Beschwerden zu verbergen und zu kompensieren, um sich zu schützen. Es mag subtile Anzeichen geben, doch wenn wir diese übersehen, werden wir uns des Problems möglicherweise erst viel später bewusst.

Die Herausforderung besteht also zunächst darin, das eigentliche Problem einschließlich der damit verbundenen und zusammenhängenden Ungleichgewichte und Funktionsstörungen zu identifizieren und anschließend zu beheben. Bei komplexen oder hartnäckigen Fällen ist es umso wichtiger zu verstehen, wie sich verschiedene Bereiche, Strukturen und Funktionen des Körpers gegenseitig beeinflussen, damit wir Kompensationsmechanismen sowie die Faktoren erkennen können, die zu dysfunktionalen Mustern beitragen und diese aufrechterhalten.

Eine Universalmethode oder eine Herangehensweise, die sich nur auf bestimmte Körperteile oder -strukturen konzentriert, wird dies in komplexeren Fällen wahrscheinlich nicht erreichen.

Als Pferdetherapeuten sollten wir außerdem ehrlich sein: Je nach Störungsbild oder den mitwirkenden Faktoren des Problems kann es mehr als ein oder zwei Behandlungen erfordern, um ein Problem zu lösen, das sich über Wochen, Monate oder sogar Jahre hinweg aufgebaut hat. Und falls nötig, kann es die Mitarbeit und den Beitrag des Pferdebesitzers, des Reiters oder anderer Teammitglieder erfordern, um optimale Ergebnisse zu erzielen. Dafür erhalten diese jedoch eine langfristige Lösung, die sich in einem gesunden und ausgeglichenen Pferd äußert, statt einer kurzfristigen Abhilfe.

Um die Wahrscheinlichkeit dies zu erreichen, muss ich nicht fragen, wie sich das Problem beheben lässt, sondern warum es überhaupt entstanden ist. Integriertes klinische Denken leistet genau das.

Ein integrativer Ansatz betrachtet das Pferd als Ganzes: seinen Körper, seine Bewegung, seine Ausbildung und Training, seine Vorgeschichte, seine Haltung und Füttern, etc und die Art und Weise, wie diese Faktoren sich gegenseitig beeinflussen. Zu lernen, auf diese Weise zu denken und zu arbeiten, erfordert jahrelanges Studium und – was vielleicht noch wichtiger ist – die Bereitschaft, während des gesamten Berufslebens dazuzulernen und sich weiterzubilden.

Letztendlich sollte gute Rehabilitation nicht nur zum Ziel haben, die richtige Technik anzuwenden, sondern, die richtigen Fragen zu stellen, das Gesamtbild zu verstehen und den für das jeweilige Pferd am besten geeigneten Weg zu wählen.