Four horses in a field, County Galway Jamie Quirke on Unsplash

Pferde, die Gallenblase und Traditionelle Chinesische Medizin

Eine Frage, die sich bei der Arbeit mit Akupunktur, Akupressur und anderen Modalitäten der Traditionellen Chinesischen (Veterinär-) Medizin (TC(V)M) bei Pferden ganz natürlich stellt, lautet: Warum behandeln wir die „Gallenblase“, obwohl Pferde gar keine Gallenblase haben?

Die Traditionelle Chinesische (Veterinär-) Medizin basiert im Allgemeinen auf einer ganz anderen Denkweise und Weltanschauung als unser westlicher Ansatz. Oft wird gesagt, dass sie sowohl Kunst als auch Wissenschaft ist. Sie hat sich über Jahrtausende hinweg durch die Beobachtung der Natur, der Jahreszeiten, des Körpers, der Physiologie, des Verhaltens usw. sowie durch die Erkennung damit verbundener Muster entwickelt. Die zugrunde liegenden Konzepte und Lehren sowie die Art und Weise, den Körper zu betrachten, sind uns nicht vertraut, und oft fehlt uns uns schlichtweg die Sprache dafür. Daher arbeiten wir mit der uns am ehesten verfügbaren Übersetzung ins Englische, Deutsche oder andere europäische Sprachen, die, ehrlicherweise, nicht ganz zutreffend ist. Eine der größten Herausforderungen beim Erlernen und Studieren der TCM(V) besteht darin, ein Verständnis für sie zu entwickeln, das unsere sprachlichen Grenzen überwindet.

Wenn wir in der TC(V)M mit „Organen“ wie dem Herzen, der Lunge, dem Magen und auch der Gallenblase arbeiten, befassen wir uns nicht nur mit der physischen anatomischen Struktur, sondern mit einem umfassenderen funktionellen Organsystem, das zwar das physische Organ einschließt, sofern ein solches vorhanden ist, aber auch andere Strukturen, Gewebe, zugehörige Sinnesorgane und Emotionen, saisonale Resonanzen, energetische Aspekte usw. umfasst.

Speziell für die Gallenblase bedeutet dies, dass Pferden auch ohne das anatomische Organ über die weiteren Funktionen und Zusammenhänge verfügen. Es gibt den entsprechenden Meridian, der sowohl in manuellen Therapien wie Akupressur und Tui Na als auch in der Akupunktur von großer Bedeutung ist. Und das funktionelle Gallenblasensystem ist aus Sicht der TC(V)M auch ohne Speicherorgan weiterhin an der Unterstützung der Verdauung beteiligt. Bei Pferden fließt die Galle kontinuierlich von der Leber direkt in den Zwölffingerdarm (Teil des Dünndarms). Und neben der Leber spielt die Gallenblase eine besondere Rolle für die Gesundheit von Sehnen und Bändern.

Kurz gesagt: TC(V)M-Praktiker arbeiten bei Pferden mit dem Gallenblasenmeridian und dem Gallenblasensystem, da der Meridianverlauf, die funktionellen Entsprechungen und die klinischen Wirkungen der Behandlung von Gallenblasen-Akupunkturpunkten unabhängig davon bestehen, ob ein Speicherorgan vorhanden ist oder nicht.